• Elisabeth

Alltägliches - Landleben

Aktualisiert: Feb 10

Irgendein ganz normaler Tag vor dem Lockdown.


Ich erwache um kurz nach neun, ohne die Hilfe meines Weckers. Setze mich im Bett auf, öffne von dort aus mein quietschendes Fenster und stoße die Fensterläden auf. Ich weiß nun, weshalb man immer diese Formulierung „Fensterläden aufstoßen“ benutzt. Anders als mit einem kräftigen Stoß lassen sie sich aus mir unerfindlichen Gründen nicht öffnen und so erfreue ich mich lediglich daran, diesen Handgriff inzwischen auf Anhieb verrichten zu können. Sonnenstrahlen dringen in mein Zimmer wie auch das Zwitschern der Rotkehlchen. Ich wälze mich über das andere Bett, schlüpfe in meine weiche Hose und schlurfe auf Badeschlappen in die Küche. Dass mein Großvater manchmal irgendwelche verrückten Investitionen tätigt, ist zwar nicht ungewöhnlich – dass es sich bei seiner letzten Anschaffung allerdings ausgerechnet um eine halbautomatische Espressomaschine handelt, nehme ich dennoch als glückliche Fügung des Schicksals wahr. Schließlich werde ich ohne Kaffee und Zigarette überhaupt nicht wach, gibt mir auch das anschließende Frühstück bestehend aus einer Schüssel voller Granatapfelkerne mehr Kraft. Mein Bruder und seine Freundin frühstücken Müsli mit Ziegenmilch, leisten mir anschließend mit ihrem Kaffee auf der Veranda Gesellschaft. Dann bricht mein Bruder auf, um bei seinem Freund das Gras zu schneiden. Seine Freundin putzt das Haus, organisiert den seit Jahren nur chaotisch vollgestopften Einbauschrank und legt Teppiche auf unseren kalten Fliesenboden. Ich schlüpfe in Bundeswehrhose und Turnschuhe, flechte mein Haar und schultere die Gerätschaften, welche ich für die Feldarbeit brauche. Ein Spaten um die Brombeerranken rund um Olivenbäume abzuhacken und herauszureißen, einen Rechen um das Feld zu säubern und eine Astschere um hartnäckige Stängel und Hölzer zu entfernen. Ich schnappe mir eine Wasserflasche und mache mich auf den Weg.


Die Bäume, welche es noch zu bearbeiten gilt, liegen außerhalb unseres Grundstücks, inmitten eines Olivenhains. Die Sonne scheint, die Luftfeuchtigkeit macht mich schlapp und die Mücken stechen hochmotiviert auf mich ein. Es ist Ende Oktober und ich hänge meine Sweatshirtjacke in einen Baum, mache mich gut gelaunt an die Arbeit. Wie soll ich diese Befriedigung beschreiben, einen von Brombeeren überwucherten Baum zu säubern? Ewig an den Ranken zu reißen, bis sie endlich nachgeben und so Stück für Stück immer mehr des jahrhundertealten Stammes frei zu legen. Liebevoll über seine Wurzeln zu harken und die verbleibenden Pflanzen abzuschneiden. Es ist wie Sport – nur mit einem Sinn, der über körperliche Betätigung hinausgeht. Es ist wie ein Videospiel, bei welchem man Münzen einsammelt, die einem im richtigen Leben nichts bringen. Zack – noch ein Ast! Zack – noch eine Ranke! Mein Score ist hoch, die Stunden vergehen und ich würde meinen Gedanken nachhängen, wäre mein Kopf nicht so angenehm leer.


Pünktlich um ein Uhr treffen wir uns zum Mittagessen. Mein Großvater hat Fische gebraten, geangelt von meinem Bruder und seiner Freundin, dazu gibt es gedünstete wilde Kräuter – Löwenzahn sowie andere Pflanzen, die man woanders als Unkraut ansehen würde. Wir träufeln Zitronensaft und Olivenöl darauf, schlagen uns die Bäuche voll und loben das köstliche Essen. Am Ende gießen die drei einen Schluck Wein in ihre tiefen Teller und trinken das Gemisch auf ihre Gesundheit. Danach machen wir Mittagspause. Der Großvater schläft und ich genieße einen weiteren Kaffee. Später gehen mein Bruder und ich wieder zu den Bäumen. Laufen bis ans Ende unseres Grundstücks, springen über einen Graben, streifen durch fremde Olivenbäume, springen über den nächsten Graben und sind bereits da. Einen riesigen Ast muss er zersägen, um das Holz beiseite schaffen zu können. Der abgebrochene Teil des Baumes allein ist groß wie ein ausgewachsener Apfelbaum. Ich verschiebe den mannshohen Haufen aus gemähtem Gras und Brombeerranken Stück für Stück mit der Heugabel. Währenddessen sprechen wir mit uns oder einem imaginären Publikum als seien wir das deutsche Voice Over einer amerikanischen Reality Show. Als seien wir erfahrene Bauern, die ihre Arbeit beschreiben, anstelle von Stadtkindern, die erstmals ihre eigene Olivenernte organisieren. Wir breiten Netze unter allen Bäumen aus, damit die reifen Früchte darauf fallen können. Dann fährt mein Bruder wieder zum Fischen und ich setzte mich mit einem Buch, das ich bereits seit Jahren lesen will, in die untergehende Sonne.



Abends sitzen mein Bruder und ich am Küchentisch, während seine Freundin kocht. Professionell wie sie das als ausgebildete Köchin auch können sollte, tänzelt sie in der Küche zu griechischer Musik umher. Jede Platte des Herdes ist besetzt, es duftet köstlich und brutzelt laut. Unterdessen spielen wir beiden anderen ein traditionelles Brettspiel, wobei ich kläglich verliere. Nach dem Essen streiten wir uns darum, wer den Abwasch machen darf. Jeder will den anderen Arbeit abnehmen, bevor wir uns nochmal auf die Veranda setzen und dann in unseren Zimmern verschwinden. Durch die Wand höre ich das Pärchen über einen Film lachen, durch die Tür meinen Großvater im Schlaf reden, durch mein inzwischen geschlossenes Fenster die Katzen und Hühner und mir unergründliche Geräusche der Natur.

Es ist so friedlich. Ich bin so ruhig und bei mir. Für mich ist dies das wahre Glück. Ich wünschte, alle Menschen wären bei ihren lieben Verwandten, lebten in der Natur und hätten genug zu Essen im Garten. Ich wünschte, alle könnten hart arbeiten für das, was sie wirklich wollen und was ihnen Erfüllung bringt. Seit Jahren schon träume ich davon, auf diese Insel zu ziehen und jene Zufriedenheit zu verspüren. Doch selbst unabhängig vom Familien- und Landleben ersehnte ich insbesondere eines: Ruhe. Ich wollte mich besser kennen lernen, wollte mich spüren und hören, wollte, dass dieser unendliche Stress und Leistungsdruck endlich von mir abfällt. Jahrelang war mein Alltag wie ein Wettrennen, wobei jede Ziellinie gleichzeitig die Startlinie eines neuen Rennens ist. Zwischen Terminen und Anforderungen, zwischen Freunden und Hausarbeit fand ich kaum Gelegenheit, einmal nichts zu tun. Fand vor allem in mir selbst nicht die Erlaubnis dazu. Beständig plagte mich das Gefühl, heute noch nicht genug getan zu haben und die Angst, irgendetwas unbestimmtes nie einholen zu können. Nur hatte all dies kaum etwas mit den Dingen oder Gefühlen zu tun, die ich für mein Glück zu brauchen schien. Nicht von innen kam der Antrieb, lediglich von außen. Für die Welt schien ich nicht genug zu sein - nicht für mich und meine eigenen Ansprüche.

Nun liege ich hier in meinem Bett, mit hundert neuen Mückenstichen, einem schmerzendem Rücken und der Gewissheit, diesen Tag so gut wie möglich genutzt zu haben. Denn ich habe ihn einfach genossen.

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