• Elisabeth

Die Erlösung

Ich möchte euch erzählen, worum es meines Glaubens nach an Weihnachten geht. Das hier soll nicht von Religion handeln – mein Glaube ist frei von Institutionen und Dogmen, entsteht aus meiner eigenen Interpretation und Erfahrung.

Ich weiß, dass das Thema auf viele abschreckend wirkt, doch besonders in diesen Zeiten scheint es mir sehr wichtig, darüber zu sprechen.

An Weihnachten wurde Jesus geboren. Das ist ein mehr oder weniger willkürlich gesetztes Datum, vermutlich aufgrund der Sonnwende ausgewählt. Um diese Zeit werden die Nächte wieder kürzer, die Tage länger und mag es auch weiterhin kalt sein, scheint der Winter langsam abzuklingen wie eine heilende Wunde.

An der Uni habe ich gelernt, was wir mit Sicherheit über den historischen Jesus wissen: Es gab einmal einen Mann, der plötzlich auf dem Radar auftauchte. Er hatte weder Wohnsitz noch Besitz – dafür viele Freunde oder „Anhänger“, zog umher und predigte. Drei Jahre später wurde er hingerichtet. Das ist alles und sagt aus, was sich viele von euch sicher denken: Die Geschichten, die in der Bibel über ihn geschrieben werden, sind nichts anderes als das: Geschichten.

Ich persönlich habe jedoch im Laufe meines Lebens viel Weisheit und Erkenntnisse aus Geschichten ziehen können – seien sie nun fiktiv oder nicht. Für mich ist die Bibel nichts weiter als ein Handbuch, das auf die richtige Lebensführung verweist. Mag auch alles, was über diesen Typ geschrieben steht, ausgedacht sein – es ändert doch nichts daran, dass es gut ist und vorbildlich.

Ich versuche nun einmal grob wiederzugeben, was für mich das Wichtigste an Jesus ist. Auf seine Geburt gehe ich später ein. Als nächstes trieb sich der junge Bursche im Tempel herum und diskutierte mit den Gelehrten. Ließ sich also wie ich keine Dogmen aufzwingen, sondern die Autoritäten seine eigene Interpretation der heiligen Schrift wissen. Hinterfragte sie, beugte sich nicht stumm irgendwelchen Institutionen. Seine Freunde waren einfache Leute wie er – Fischer und Handwerker. Sie zogen umher ohne Besitz anzuhäufen und umgaben sich mit den Menschen, die von der Gesellschaft verachtet wurden. In jeder Situation wandte sich Jesus den Schwächsten, den Ängstlichsten und Unsichersten zu – nicht den „vorbildlichsten“, gefügigsten Bürgern.

Es war eine Zeit, in der das ganze Land auf das jüngste Gericht wartete – Endzeitstimmung. Für seine/ihre Sünden sollte jede:r bestraft werden und ein gerechtes Leben endlich anbrechen. Eines ohne Hunger, Leid oder Unterdrückung. Wie auch wir fühlten sich die Menschen der Willkür von Politik und Geld hilflos ausgeliefert, fühlten sich weder frei noch sicher. So warteten sie also darauf, dass irgendetwas passieren würde, etwas von außen kommendes, das sie erlöste. Jesus interpretierte die Sache anders und meiner Meinung nach ist dieser Punkt der ausschlaggebende.

Wir sind so viele Menschen, dachte er, wir allein stützen dieses System der Ungerechtigkeit, indem wir ihm hörig sind und selbstsüchtig handeln. Der einzige Weg aus dieser selbstgewählten Unterdrückung ist der Weg eines jeden einzelnen Menschen.

Jesus lebte es vor und anstatt ihn bloß anzubeten, anstatt eine von ihm verhasste Institution darauf zu gründen, sollten wir es einfach nur genau so machen.

Er lebte die Nächstenliebe. Er teilte, was er besaß. Er sprach den Ängstlichen Mut zu und gab einem jeden Menschen, dem er begegnete, das Gefühl, wertvoll und von Gott geliebt zu sein. Er zeigte auf, dass es nie zu spät für eine Umkehr sei, dass – egal wie viele Fehler man auch begangen haben mochte – eine Wandlung zum Besseren möglich war. Seine Worte forderten Frieden, seine Taten spendeten Glück. Die Wunder, die er angeblich vollbrachte, waren niemals eine Demonstration seiner „Macht“, nie behauptete er, irgendeine Macht zu haben. Er heilte Kranke, half Verzweifelten.

Es ist egal, ob die Geschichten historisch korrekt sind, denn sie sind wahr. Wahr in dem Sinne, dass jeder Mensch versuchen sollte, so zu leben wie er. Furchtlos vor den Unterdrückern, liebevoll jedem Mitmenschen gegenüber. Jesus ließ das „Reich Gottes“, auf welches alle warteten, durch seine Worte und Taten anbrechen. Er verstand, dass man nicht auf das Jenseits, auf Hilfe von etwas Überirdischem warten sollte. Wenn ich eine gerechte Welt will, musste ich mein Bestes tun, um sie selbst zu schaffen.


Heutzutage bekommen wir durch das Internet zu viel davon mit, was schlecht läuft auf unserer Erde – und können doch zu wenig dagegen tun. Wir sind überfordert damit, fühlen unsere Hilfe wie einen Tropfen auf dem heißen Stein des Leids und tun vielleicht lieber überhaupt nichts, als etwas, das sich niemals ausreichend anfühlen wird. Jesus wollte, dass wir unserem „Nächsten“ helfen. Das kann die Nachbarin in unmittelbarer Nähe sein, die sich vielleicht über Kekse freut. Der Obdachlose auf unserem Arbeitsweg, der so gern mal mit einem Lächeln begrüßt werden würde. Das kann aber auch bedeuten, die Sache zu finden, die einem am Herzen, damit am nächsten liegt, und sich dieser zu widmen. So wie ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, über meine Alkoholabhängigkeit zu sprechen. Menschen, die von demselben Problem betroffen sind, liegen wir am Herzen, sind mir meine „Nächsten“ und da ich nicht allen helfen kann, konzentriere ich mich auf sie.


Es geht also darum, dass wir uns gegenseitig unterstützen und verzeihen sollten. Dass kein Fehler uns zu einem schlechten Menschen macht, sofern wir ihn bereuen und versuchen, uns zu bessern. Dass jede:r Einzelne etwas tun muss, um die Welt zu verändern und dass das ausreicht.

Nun zu Weihnachten, zu Jesu Geburt. Die Menschen warteten auf den Erlöser, warteten auf einen, der das Gleichgewicht herstellen, für ein freies Leben der Unterdrückten sorgen und alles ändern sollte. Sie erwarteten so etwas wie einen König – nur mächtiger. Wie einen Propheten – nur weiser. Sie erwarteten einen Gott. Und was geschah? Dieser ach so tolle Erlöser war ein Baby. Ein armes noch dazu. Ein schutzloses, hilfloses, nacktes Wesen – geboren in einem Stall und danach jahrelang auf der Flucht. Es war wohl das am wenigsten mächtige und glanzvolle Geschöpf, das sie sich hätten vorstellen können. Und doch genau der, auf den sie gewartet hatten.


Das ist es, worum es an Weihnachten geht.

Die Erlösung, auf die wir warten, die Klimawandel, Krieg und Unterdrückung bekämpfen soll, liegt in uns. In jedem einzelnen Baby, in jedem einzelnen Menschen.

Egal wie schmutzig und arm wir auch sein mögen, wie hilflos und unbedeutend wir uns fühlen, können wir alle unser direktes Umfeld zum Positiven verändern und damit die Welt.

Weihnachten sagt uns, dass es nicht auf die äußeren Umstände ankommt oder darauf, wie andere uns wahrnehmen.

Von Geburt an haben wir alle die Möglichkeit bekommen, Gutes zu tun.

Über uns selbst hinauszuwachsen und die Existenz demütig als Geschenk wahrzunehmen, Fremde als unsere "Nächsten".

Wir alle haben die Möglichkeit, unseren Mitmenschen offen und voller Liebe zu begegnen.


Ich wünsche mir zu Weihnachten, dass wir das tun.


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