• Elisabeth

Sucht und der verlorene Sohn

Vor ein paar Tagen bin ich zum wiederholten Mal in meinem Leben auf eine biblische Geschichte gestoßen. Fast exakt vier Jahre nach dem größten Wendepunkt in meinem Leben hörte ich erneut das Gleichnis vom verlorenen Sohn und verstand es zum ersten Mal.


Ich fasse die Handlung kurz zusammen:


Der jüngere zweier Söhne bittet seinen Vater darum, ihm seinen Teil des Erbes auszuzahlen und reist in ein fernes Land. Dort verprasst er das gesamte Vermögen, lebt schließlich hungerleidend auf der Straße und kehrt voller Scham und Reue in sein Heimatland zurück. Da er keinen anderen Ausweg sieht, will er seinen Vater um eine Arbeit als Tagelöhner bitten. Dieser jedoch ist voller Freude über die Rückkehr seines Sohnes, lässt ihn fein einkleiden und bereitet ihm ein rauschendes Fest. Sein älterer Sohn wird daraufhin wütend - er sei immer treu zuhause geblieben und habe nie einen so großen Lohn erhalten. Der Vater jedoch entgegnet: "Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden."

Das Gleichnis soll zeigen, dass jeder Mensch - wie sehr er sich auch versündigt haben mag - von Gott liebend und voller Erbarmen angenommen wird. Dass nicht die Abkehr vom Vater die Beziehung definiert, sondern die Rückkehr zu diesem.

Damals, als ich die Geschichte erstmals hörte, verstand ich sie nicht. Denn ich war zu dieser Zeit noch der ältere Sohn, der brave, treue, der nie vom Weg abgekommen war.


Foto: Benedikt Schwachulla (Ostern 2017)


Es ist nicht nötig, die Vaterfigur der Geschichte als Repräsentation von Gott zu sehen, um das Gleichnis zu verstehen.

Egal ob das christliche Himmelreich, ein wohlgesonnenes Schicksal, glückliche Zufälle oder Liebe und Erfolg – jedes Weltbild beinhaltet etwas, das ich als „das Gute“ oder „Glück“ bezeichnen möchte. Es spielt keine Rolle, was man als Ursprung oder System des Guten vermutet – irgendwie sollte allen bekannt sein, was ich meine.

Das Glück zu finden, kann man auf verschiedenste Weise anstreben und erreichen. Viele mögen dabei davon ausgehen, es sich selbst erarbeitet zu haben. Andere meinen, sie hätten einfach wortwörtlich Glück gehabt. Vielleicht gehen manche davon aus, sie hätten es verdient.

Drogenabhängige jedoch nicht.


Sucht jeglicher Art ist ein fieser Gefährte, weil er das Leben auf vielfältige Weise sabotiert. Ein Teil davon ist das Gefühl, ein schlechter und wertloser Mensch zu sein.

So wurde auch mir mein Weg aus dem Konsum durch diese Gedanken erschwert: Ich bin eine verabscheuungswürdige Person. Die Welt wäre ohne mich besser dran. Ich habe es nicht verdient, glücklich zu sein oder dass mir Gutes widerfährt. Ich bin hoffnungslos verloren und kann nicht gerettet werden.


Foto: Benedikt Schwachulla (Ostern 2017)


Beinahe täglich bewies ich mir durch das Treffen falscher Entscheidungen, durch mangelnde Selbstfürsorge und meine ständige Flucht in den Rausch genau jenen Irrtum. Immer wieder verstrickte ich mich in die gleichen Situationen, beging die gleichen Fehler, bestätigte mir das gleiche negative Selbstbild.

Erst, als ich ganz unten angelangt war und wirklich keinen anderen Ausweg als den Tod sehen konnte, änderte sich alles. Durch Glück oder Zufall, durch die Liebe meines Bruders wurde mir ein neuer Weg aufgezeigt. Ich sollte genau die eine Sache ändern, die mein Leben bestimmte und von außen betrachtet ganz offensichtlich so schrecklich machte: Meinen Alkoholkonsum.


Die Angst vor jenem Schritt ist ein ganz eigenes Thema. Doch abgesehen davon wollte mich auch besagtes Selbstbild von einem positiven Wandel abhalten.

Ich sollte mich ändern können? Ich sollte die Chance bekommen, glücklich zu werden? Ich, die alles immer versaute? Sich selbst und den Menschen in ihrer Umgebung nur Kummer und Leid bereitete? Ich, die so weit vom Weg abgekommen war, dass sie gar nicht mehr wusste, wo er sich befand und wie er sich anfühlte? Ich sollte des Lebens wert sein?


Es erschien mir unvorstellbar. Ich war doch schlecht und so ganz und gar verloren. Ich hatte diese Chance überhaupt nicht verdient.


Und dennoch ergriff ich sie. Wie ihr wisst, hat sie mein Leben und mich komplett verändert. Schritt für Schritt lerne ich dazu. Treffe bessere Entscheidungen, vermeide die alten Fehler und werde ein umgänglicher Mensch.


Doch nach wie vor erwische ich mich oft dabei, auf die bösartige Stimme der Sucht zu hören. Immer wieder taucht sie auf, um mich an mein altes Leben zu erinnern – und daran, dass trotz allem ich es war, die es so entsetzlich führte. Dass all die Fehler von mir begangen wurden, dass ich die Verantwortung trage für mein damaliges Wesen und Handeln, dass ich es nicht einfach vergessen kann.


Dann glaube ich wieder, dass ich mein aktuelles Glück nicht verdient habe. Dass es weder anhalten wird noch gerechtfertigt ist. Dann lockt mich die Stimme, wieder zu trinken – weil sowieso schon alles zu spät ist und ich mein Leben vor Jahren in den Sand gesetzt habe.


Natürlich lügt die Stimme.

Doch nun war ich zum zweiten Mal in meinem Leben an Ostern in Griechenland. Beim ersten Mal befand ich mich am Tiefpunkt meines betrunkenen Daseins und beging einen der größten Fehler überhaupt. Nun wurde ich durch die gleichen Traditionen, Orte und Situationen daran erinnert. Die Sucht wollte mir einreden, dass ich auch nach wie vor der gleiche Mensch sei. Dass ich keine zweite Chance verdient hätte.


Dann hörte ich das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Ich weinte – vor Freude und Dankbarkeit, vor Erleichterung. Es fühlte sich wirklich so an, als wäre ich über die letzten Jahre hinweg in liebende Arme zurückgekehrt. Als würden all meine Fehltritte nicht so viel zählen, wie meine Schritte in die richtige Richtung. Als wäre mein Bereuen bereits genug, als müsste mir nichts mehr vergeben werden. Ich fühlte mich, als dürfte ich dieses Fest meiner Nüchternheit wirklich annehmen und genießen.


Der Kapitalismus suggeriert uns einen ganz eigenen Mechanismus des Lebens, einen, der nicht stimmt.

Es ist nicht so, dass wir uns alles verdienen und erarbeiten müssen. Es ist nicht so, dass wir für unsere Leistungen mit Glück belohnt werden. Wir sind alle fehlbare Menschen und was immer wir tun, das uns vom Guten entfernt – es ist nie zu spät für eine Rückkehr. Wir können nichts tun, was uns das Glück unwiederbringlich verwehrt.


Der Sohn kam zurück zum Vater – voller Reue und Scham, er war ganz tief gesunken. Doch er erhielt keine Vorwürfe, keine Strafe, keine negativen Konsequenzen für seine Fehler. Nein, er bekam Essen, schöne Kleider und ein Fest. In der Bibel bezieht sich dieses Gleichnis allgemein auf Sünder – in meinen Augen passt es perfekt auf Süchtige.

Ich war so weit weg von allem Guten, war voller Scham und Reue und erwartete, für mein Verhalten büßen zu müssen.

Doch genau dieser Schmerz war bereits meine Buße. Und für meine Rückkehr wurde ich belohnt.


Foto: Andre Leitol (2019)


Seit ich versuche, den richtigen Weg zu finden – einen, der von Glück, Frieden und Liebe gesäumt ist – ist mein Leben immer wieder ein Fest. Seit diesem Wendepunkt spüre ich das Gute so deutlich, dass ich oft kaum daran zweifeln kann, es verdient zu haben.

Ich glaube, dass jeder Mensch das Glück verdient hat. Dass es nie zu spät dafür ist, es zu suchen und dass man es dann auch bekommen wird.


Ich weinte also, weil ich in diesem Moment begriff, was ich die ganze Zeit meiner Abstinenz über fühle:


Ich war tot und lebe wieder, ich war verloren und bin wiedergefunden worden.


Genau das ist Glück.


Foto: Andre Leitol (2019)

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