• Elisabeth

SCHREIB(en statt)SUCHT

Ich gebe Workshops, die mir etwas geben.

Die Jugendlichen sitzen vor ihren Blättern und Bildschirmen. Sie wollen eigentlich nur etwas über Poetry Slam erfahren, weil das angesagt ist und im Lehrplan steht. Ich stehe normalerweise nicht so früh auf, bin aufgeregt und zittrig vom Kaffee. „Es geht darum, mit dem Schreiben einfach mal anzufangen“, sage ich. Lese, um ihnen die Scheu zu nehmen, eines meiner ersten Gedichte vor, in welchem ich ausführlich meine Sehnsucht danach beschreibe, einmal eine Amsel zu streicheln.

Wie konstruktive Kritik funktioniert, habe ich schon erklärt und doch trauen sie sich selten, dieses schlechte Gedicht zu kritisieren. Immerhin das Schreiben trauen sie sich nun zu, auch das Vorlesen und rege Teilnehmen an weiteren Übungen. Ja, ich erkläre, was Poetry Slam ist – und doch geht es mir bei diesen Workshops um etwas ganz anderes. Vorsichtig schubse ich die Schüler:innen in die richtige Richtung. Ehe sie sich versehen, müssen sie sich mit dem konfrontieren, das wirklich in ihnen vorgeht. Lernen, zu verstehen, inwiefern das Schreiben einen konstruktiven Umgang mit den eigenen Gefühlen ermöglicht.

Ich weiß, was ich tue. In ihrem Alter bin ich alkoholabhängig geworden und hätte doch lieber schreibsüchtig werden sollen. Meinen Gedanken Ausdruck verleihen und dem Gefühl von Machtlosigkeit mit der mächtigen Rolle einer Autorin entgegenwirken.



Ich erfahre in diesen Workshops, was die Jugendlichen beschäftigt. Ganz häufig der Klimawandel und wie Social Media unser Bild von Schönheit prägt. Ganz häufig das Gefühl, nicht genug zu sein oder zu schaffen. Sie schreiben an die Angst, an das Schulsystem, aus der Perspektive ihres Spiegels und ihrer Zwänge. Sie schreiben über Freundschaft und Influencer, Depression und Rückzugsorte in ihrer Fantasie. Sie öffnen sich und hören in den Gedichten der anderen ihre eigenen Probleme. Erkennen, dass sie nicht allein sind mit dem, was sie beschäftigt.

Am Ende des Workshops haben sie begriffen, dass man mit Sitzenbleiben nur ein Jahr seines Lebens „verschwendet“ - während das leistungsdruckbedingte Entwickeln einer Sucht zum Verschwenden des ganzen Lebens führen kann.

Sie haben das Werkzeug an die Hand bekommen, um ihre Probleme aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachten zu können, ihre Gedanken und Gefühle mit der Welt zu teilen oder zumindest im Papier einen geduldigen Ansprechpartner zu finden.

Ich liebe diese Arbeit und wie mir die Ergebnisse der Jugendlichen einen neuen Blick auf ihre Generation ermöglichen.

Liebe, dass wir uns gleichermaßen inspirieren und ich ab und zu tatsächlich helfen kann.

Liebe die Begeisterung der Schüler:innen und Lehrkräfte und liebe ganz besonders, dass ich meine Existenz sichern kann mit etwas, das mich so erfüllt.


Anmerkung: Das letzte Teilsatz war Wunschdenken, denn leider kann ich meine Existenz nicht mit dieser Arbeit sichern.

Ich bedanke mich daher im Voraus bei allen, die ihre Kontakte zu Schulen und sozialen Einrichtungen nutzen, um meine Online-Angebote bekannt zu machen.

Weitere Informationen zu meinen Lesungen und Workshops findet ihr hier!

37 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen